Ich war nicht die Art Mensch, die sich wohl aus Freunden machte. Ich war gerne alleine, vor allem in meiner Wohnung, und ich hielt nicht viel davon, mit langweiligen Leuten irgendwelche Gespräche zu führen, die sowieso nur ermüdeten. Deshalb hatte ich eigentlich nicht viele Bekanntschaften, obwohl ich nun seit genau 23 Jahren in San Francisco lebte. Aber eine hatte ich, eine, die ich wohl nie wieder los werden würde und auch nicht los werden wollte: Nea.
Ich weiß nicht, woran es lag, aber Nea war für mich ein unglaublich unberechenbarer Mensch und genau das machte sie interessanter und besonderer, einzigartiger als die anderen Leute in meiner Umgebung. Sie liebte zum Beispiel Überraschungen, was ich gar nicht abkonnte, und sie hatte eine Vorliebe für die BDSM-Szene, von der ich, bis ich Nea kennengelernt hatte, noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Jedenfalls war Nea schon seit einer halben Ewigkeit so etwas wie meine beste Freundin. Und jedes Jahr zu meinem Geburtstag hatte sie sich irgendetwas Unglaubliches einfallen lassen, dass mich wieder und wieder überraschte.
Dieses Mal schien es etwas ganz Besonderes zu sein, denn Nea hatte mich zu meinem 23. in ein hauchenges schwarzes Kleid gesteckt, das gerade so meine Oberschenkel bedeckte, und stöckelte nun neben mir her durch das Zentrum San Franciscos. Es war schon ziemlich spät und natürlich wollte sie mir nicht verraten, wo es hin ging. Ich vermutete einen Club, wo wir so richtig abfeiern würden - obwohl es bei Neas Kreativität auch ein Bordell sein könnte - und lachte innerlich, weil sie viel aufgeregter war als ich. So war sie, meine Freundin, immer lustig, immer auf Zack, während ich mehr der ruhige, etwas emotionslosere Pol war. Und der, der auf Stöckelschuhen gehen konnte, während sie sich regelmäßig an mir festklammerte, um nicht mitten auf der Straße umzuknicken.
Ich pustete mir eine Strähne meines blonden Haares aus der Stirn, welche sich aus meiner Hochsteckfrisur gelöst hatte, und folgte Nea um eine Straßenecke, sodass wir die Hauptstraße verließen. Auch hier war viel los, allerdings wesentlich weniger als vorher. Ich sah mich neugierig um, runzelte die Stirn. Hier war ich noch nie gewesen, und Nea schleppte mich regelmäßig in neue Discos, sodass ich San Franciscos Nachtleben schon recht gut kannte. Ich warf meiner Freundin einen fragenden Blick zu, aber natürlich beachtete sie ihn gar nicht. Typisch - sie wusste, wie sehr mich es fertig machte, nicht zu wissen, wo es hinging, und jedes Jahr aufs Neue machte sie so etwas Überraschendes zu meinem Geburtstag. Unberechenbar.
Dann blieb Nea plötzlich unvorbereitet stehen - es fiel mir erst einige Schritte später auf und so drehte ich mich um und stöckelte zu ihr zurück. "Hier?" Ich sah hoch. Ein zweistöckiges Gebäude, es wirkte auf mich eher uninteressant, wahrscheinlich beherbergte es irgendwelche Büros oder so. Aber anscheinend war dem nicht so, denn Nea packte mich grinsend am Arm und zog mich zu einer Tür, etwas abseits von dem Haupteingang. Davor, halb im Schatten versteckt, stand ein großer, muskulös aussehender Typ, der uns vorbeiwinkte und, wie ich bemerkte, Nea zuzwinkerte - sie war also schon öfter hier gewesen. Okay. Ich runzelte die Stirn und betrat das Gebäude, meine Gedanken rasten.
Es ging mir erst auf, als Nea mich durch die Menschenmenge zur Bar gezerrt hatte. "Das Sinner's Night, oder?", schrie ich gegen den Lärm an. Ein BDSM-Club! Nea hatte mich schon häufig gebeten, mal mitzukommen, aber ich hatte nie sonderlich viel Interesse dafür gezeigt. Und jetzt war ich also hier. Ich funkelte Nea an. "Du bist eine sehr böse Frau." Sie grinste und reichte mir ein Glas, gefüllt mir irgendetwas stark nach Alkohol Riechendem. "Auf deinen 23. und darauf, dass dieser Abend grandios wird", brüllte meine Freundin und stieß mit ihrem gegen mein Glas, leerte es sofort und tänzelte dann davon, um, wie sie es nannte, mal ihre Bekanntschaften zu suchen.
Ich schüttelte lächelnd den Kopf und setzte mich auf einen Hocker an der Bar, exte das Glas und winkte dem Barkeeper. Verschränkte meine Beine, hielt mich aufrecht und sah mich teils gelangweilt teils interessiert um. Ein BDSM-Club also.
Ich lächelte. Vielleicht würde dieser Abend ja doch noch ganz interessant werden.
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